Mit dem Ja zum Klima- und Innovationsgesetz hat das Stimmvolk im vergangenen Juni ein klares Ziel definiert: Bis 2050 soll die Schweiz klimaneutral werden. Die dafür nötige Dekarbonisierung bedingt sowohl im Gebäudebereich als auch bei der Mobilität, stärker auf Strom zu setzen. Dazu soll die inländische erneuerbare Stromproduktion massiv ausgebaut werden – besonders zum Beseitigen der Winterstromlücke. Mit dem runden Tisch zur Wasserkraft sowie der Solaroffensive und dem «Windexpress» wurden in den letzten zwei Jahren auf Bundesebene die Weichen gestellt, um diesen Produktionsausbau zu beschleunigen.
Die Energietransition der Schweiz bedeutet daher einen Systemwechsel von einer zentralen Energieproduktion zu einer vermehrt dezentralen mit schwankenden Produktionsmengen. Zusätzliche Lösungen für die kurzfristige und die saisonale Speicherung von Stromüberschüssen sind somit unerlässlich, um ausreichend Strom in der Nacht und im Winter zu haben. Verschiedene Technologien stehen dafür bereit – etwa Wärmespeicher, Batteriespeicher, Pumpspeicherkraftwerke, Vehicle-to-Grid und Power-to-X. Was alle gemeinsam haben: Sie erfordern ein leistungsfähiges Stromnetz, das Erzeuger, Verbraucher und Speicher verbindet. Das Netz ist das Schlüsselelement für eine sichere und nachhaltige Energiezukunft.
Höhere Anforderungen ans Stromnetz
Die schon heute hohen Anforderungen ans Stromnetz werden also noch stark zunehmen – und zwar auf allen Netzebenen. Wenn einerseits immer mehr Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen Strom verbrauchen und andererseits immer mehr Solaranlagen und Windparks Energie produzieren, belasten die damit verbundenen Ströme nicht nur die Verteilnetze. Die Leistungspeaks betreffen auch das Übertragungsnetz und die daran angeschlossenen Produktionsanlagen. Scheint im Sommer überall die Sonne, werden die Speicher künftig gegen Mittag gefüllt beziehungsweise geladen sein. Dann muss die Produktion gedrosselt werden.
Im Winter hingegen, wenn die Sonne seltener scheint, bleiben nur die begrenzten Reserven in den Wasserkraftwerken und thermischen Kraftwerken (Kernkraftwerke, Gaskraftwerke etc.). Dadurch steigt das Risiko von Überlastungen und Engpässen im Schweizer Übertragungsnetz – zumal die Schweiz mangels Stromabkommen mit der EU immer weniger in den europäischen Strommarkt integriert ist und zunehmend von der Mitarbeit in Gremien und von Marktplattformen ausgeschlossen wird. Aus Sicht der Strombranche braucht es daher einen weiteren Anlauf für ein Stromabkommen, weil der volle Marktzugang die Versorgungssicherheit gerade im Winter deutlich verbessern würde.
Langfristige Netzplanung
Um trotz dieser Herausforderungen den sicheren und leistungsfähigen Betrieb des Schweizer Stromsystems zu gewährleisten, müssen bestehende sowie in Zukunft drohende Engpässe im Übertragungsnetz beseitigt werden. Dafür braucht es eine gezielte langfristige Netzplanung.
Deshalb erstellt Swissgrid periodisch einen Mehrjahresplan: das Strategische Netz. Es zeigt auf, wie sich das Übertragungsnetz bis im Zieljahr entwickeln sollte und welche zusätzlichen Netzprojekte nötig sind, um den künftigen Anforderungen zu entsprechen. Dieser Planungsprozess wird derzeit zum dritten Mal durchgeführt: Auf die Strategischen Netze 2015 und 2025 folgt jenes für 2040. Zum ersten Mal basiert der Prozess auf einer gesetzlichen Grundlage, die der Bund im Rahmen seiner Strategie Stromnetze geschaffen hat.
Szenariorahmen als Basis
Szenarien waren für die Erstellung des Strategischen Netzes immer schon eine wichtige Grundlage. Sie sind nötig, um die Lastflüsse in den Stromleitungen im Zieljahr für verschiedene Annahmen zu simulieren und somit Engpässe zu identifizieren. Für das Strategische Netz 2040 wurden die Szenarien erstmals unter der Führung des Bundesamts für Energie erarbeitet und vom Bundesrat verabschiedet.
Der aktuelle Szenariorahmen Schweiz beschreibt verschiedene, mögliche Entwicklungen bei der Energieerzeugung, dem Verbrauch und der Speicherung für die Zieljahre 2030 und 2040. Er basiert auf den energiepolitischen Zielen des Bundes (Energieperspektiven 2050+) und auf gesamtwirtschaftlichen Daten. Für das europäische Ausland erklärt er die Szenarien des Verbands Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E+G) für verbindlich. Mit dem Szenariorahmen Schweiz erhalten die Stromnetzbetreiber der Netzebenen 1 bis 3 eine einheitliche, verbindliche Grundlage für ihre Netzplanung. An der Erarbeitung beteiligte sich eine Begleitgruppe, der auch Swissgrid angehörte.