Das etablierte NIST-Framework bietet eine Grundlage, an der sich der IKT-Minimalstandard des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung, das Handbuch «Grundschutz für Operational Technology in der Stromversorgung» des VSE und viele andere Standards orientieren. Das Framework definiert fünf Handlungsfelder: Identify, Protect, Detect, Respond und Recover. Im Kern geht es primär darum, sicherzustellen, dass ein potenzieller Angriff möglichst geringe Erfolgschancen hat. Vorzubeugen ist dabei immer effektiver, als zu reagieren. Der Fokus liegt daher zu Beginn auf der Schaffung von Transparenz («Identify») und der geordneten Prävention («Prevent»). Detektion («Detect») und Reaktion («React») sind ergänzend und erst ab einem gewissen Reifegrad richtig effektiv. Diese Prioritäten werden offensichtlich, wenn man sich den Ablauf eines Angriffs anschaut.
Wie läuft ein Angriff ab?
Hat ein Angreifer – egal ob durch Phishing, ungepatchte Systeme, Zero-Day-Sicherheitslücken oder mit dem Brecheisen an der Trafostation – Zutritt zum Netzwerk erlangt, verschafft er sich als Erstes einen Überblick. Auf der Suche nach ungeschützten Geräten und attraktiven Zielen bewegt er sich vorsichtig und unbemerkt im Netzwerk. Systembetreiber benötigen durchschnittlich 280 Tage, um eine Lücke zu lokalisieren und zu schliessen. Das heisst, dass sich ein Angreifer zu diesem Zeitpunkt schon seit über sechs Monaten im Netzwerk aufhalten könnte. Er hat Zeit, kann den Angriff in Ruhe vorbereiten und dabei sehr vorsichtig vorgehen, sodass seine Kommunikation nur schwer durch Systeme detektiert werden kann.
Wenn er dann zuschlägt, dauert es meist nur wenige Minuten. Wer also sein eigenes Netzwerk und die Assets darin nicht genau kennt («Identify») und geregelte Prävention («Prevent») aufgebaut hat, ermöglicht Angreifern während langer Zeit, sich frei im Netzwerk zu bewegen, diese wertvollen Assets zu finden und auf sie zuzugreifen. Ein Angreifer gelangt zum Beispiel über die IT in die OT und sucht dort nach vulnerablen Systemen. Selbst wenn der eigentliche Angriff – sobald er gestartet wird – detektiert wird, sind die Erfolgsaussichten einer hektischen, reaktiven Brandbekämpfung («Detect» und «React») ohne vorgelagerte Schritte begrenzt.