Wer die Möglichkeit hat, mit Holz zu heizen, tat gut daran, sich bereits im Sommer mit ausreichend Brennmaterial einzudecken, auch wenn Händler damals zuversichtlich verkündeten, die Nachfrage decken zu können. «Wir haben vor Kurzem den Bestand eines anderen Händlers übernommen und haben mehr als genügend Vorräte», erklärte eine Händlerin aus dem solothurnischen Bezirk Wasseramt Mitte Juli auf Anfrage. Nur sechs Wochen später war auf ihrer Website zu lesen, dass Brennholz erst ab Anfang Januar 2023 wieder lieferbar sei. Es haben sich – den hohen Temperaturen zum Trotz – also schon viele Menschen im Sommer Gedanken über die kalte Jahreszeit gemacht. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn wer sorgt sich in kurzen Hosen und T-Shirt schon um Heizfragen? Gleichzeitig verdeutlicht es aber auch, dass ein Umdenken stattgefunden haben muss.
Während der letzten drei bis vier Dekaden lebten Gesellschaft und Wirtschaft in wohl noch nie dagewesener Energieversorgungssicherheit, und das zumeist zu tragbaren Preisen. Entsprechend rangierte die Versorgungssicherheit auf dem Sorgenbarometer – wenn überhaupt – eher auf den unteren Rängen. Das ungebremste Verbrennen fossiler Energieträger erfolgte dabei jedoch nicht nur wider besseren Wissens, sondern auch ungeachtet deren teilweise problematischer Herkunft aus autoritären Staaten. Dass eine solche Abhängigkeit fatal sein kann, lernten die Schweiz und Europa spätestens am 24. Februar 2022, als Russland die Ukraine attackierte. Schlagartig wurde den europäischen Staaten damals bewusst, wie Russland ihre, in den vergangenen Jahrzehnten gewachsene und zum Teil auch bewusst geförderte, Energieabhängigkeit für seine geostrategischen Interessen nutzt. Weltweit gegen den Aggressor ergriffene Wirtschaftssanktionen haben die russischen Quellen für fossile Energien für Europa zum Versiegen gebracht, und das in einer Situation, in der das Schreckgespenst einer Strommangellage schon länger für eine breite Öffentlichkeit gut sichtbar herumgeisterte. Die zuvor kaum in Frage gestellte Versorgungssicherheit durch Gas und Erdöl aus Russland war somit buchstäblich über Nacht der Ungewissheit gewichen, wie Europa im Winter 2022/23 heizen soll.
Eine ausserordentliche Lage mit schwerwiegenden Auswirkungen
Eine Strommangellage ist kein neuartiges Szenario, welches aus einer aktuellen Entwicklung heraus hätte erstellt werden müssen. Eine Strommangellage ist vielmehr eine ausserordentliche Lage, die in der Schweiz glücklicherweise noch nie eingetreten ist, die im Eintretensfall aber massive Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft hätte und der die Elektrizitätsbranche und der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) im Sinne einer umsichtigen Vorsorgestrategie daher schon sehr lange grosse Aufmerksamkeit beimessen. Vom Bund beauftragt, notwendige Vorbereitungsmassnahmen zu treffen, hat der VSE dazu Ostral (Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen) ins Leben gerufen, und zwar schon vor über 30 Jahren und als direkte Nachfolgeorganisation der einstigen Kriegsorganisation für Elektrizitätswerke (KOEW).