Im Sommer 2022 erlebte die europäische Energiekrise vorläufig ihren Höhepunkt. Das Risiko einer Strommangellage war damals real und gross. Noch nie stand die Schweiz so nahe davor, OSTRAL aktivieren zu müssen. Die vom VSE betriebene Organisation für Strom in Ausserordentlichen Lagen befasst sich seit über 30 Jahren mit den Vorbereitungen auf eine Strommangellage. Denn sie ist es, die Bewirtschaftungsmassnahmen des Bundes umsetzen müsste, wenn der Stromverbrauch über mehrere Tage und Wochen höher ist als der verfügbare Strom. Und obwohl theoretische Pläne seit jeher existierten, waren Strombranche und OSTRAL sich bewusst, dass konkrete Vorbereitungen noch getroffen werden mussten, um diese potenzielle Krise zu bewältigen.
Im sogenannten OSTRAL-Fall stehen dem Bundesrat verschiedene Massnahmen zur Verfügung, um auf eine konkrete Krisensituation zu reagieren. Ziel der Massnahmen ist, Stromnachfrage und Stromangebot auf reduziertem Niveau ins Gleichgewicht zu bringen und so die Stromversorgung sicherzustellen. Den letzten Pfeil im Massnahmen-Köcher bilden zyklische Netzabschaltungen. In ganzen Netzgebieten gäbe es dabei zyklisch in einem bestimmten Rhythmus keinen Strom.
Im Falle von zyklischen Netzabschaltungen stehen die Verteilnetzbetreiber explizit in der Pflicht, die Abschaltzeiten gegenüber ihren Kundinnen und Kunden einheitlich und niederschwellig zu kommunizieren. Im Sommer 2022 reifte die Idee, ein System zu entwickeln, das im Falle von zyklischen Netzabschaltungen transparente Informationen über die Stromversorgung liefert. Inspiriert von vergleichbaren Apps in Ländern wie Südafrika und Frankreich wurde PowerTracker geboren (auch bekannt unter dem ursprünglichen Projektnamen «Plan E»).
Grundsätzliche Herausforderungen
Eine Idee entwickeln und später in der Praxis umsetzen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Es gibt grundsätzliche Herausforderungen, die jede datenbasierte Lösung im Keim ersticken könnten. Zentral etwa ist die Finanzierungsfrage: Wer sollte für eine Plattform aufkommen, die möglicherweise nie gebraucht würde?
Technische Machbarkeit und Datenschutz waren weitere Bedenken, die früh aufkamen und die Gefahr bargen, die Umsetzung zu behindern. Denn die Abschaltpläne der fast 100 Verteilnetzbetreiber, die auf der Netzebene 5 zyklische Netzabschaltungen durchführen müssten, müssen aus Sicherheitsüberlegungen vertraulich behandelt werden. Um flächendeckend die Abschaltpläne visualisieren zu können, musste man die Verteilnetzbetreiber also davon überzeugen, dass ihre Daten im PowerTracker geschützt sind.
Bei fast 100 Verteilnetzbetreibern stellte das Stakeholder-Management eine weitere grosse Herausforderung dar. Die Branche ist heterogen und vielfältig, es existieren unterschiedliche Ausgangslagen und Realitäten. Diese mussten im Lichte der Finanzierung, der Projektentwicklung sowie der Datenlieferung unter einen Hut gebracht werden.
Von der Vision zum funktionierenden Prototyp
Zunächst stand im Fokus, die obigen «Killerargumente» in kleinem Rahmen bei überschaubaren Projektkosten auf die Probe zu stellen und insbesondere die technische Machbarkeit zu prüfen. Motivierte Personen aus der Swiss Energy Data Working Group – ein innovatives Netzwerk von Branchenleuten und Softwareentwickler/innen – machten sich gemeinsam unter der Trägerschaft des VSE daran, mittels Methoden aus der agilen Softwareentwicklung einen ersten Prototyp zu entwickeln. Mit diesem Vorgehen erzielte die Gruppe in kurzer Zeit erste Ergebnisse. Bereits im November 2022 fand ein entsprechender Kickoff-Sprint mit einem halben Dutzend Verteilnetzbetreibern (VNB) statt, in den Monaten darauf wurde der Prototyp erfolgreich auf technische Machbarkeit und Skalierbarkeit getestet.