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PowerTracker: von der Vision zur nutzerfreundlichen Krisen-App

20.08.2024
Innert kurzer Zeit hat die Strombranche eine Visualisierungsplattform entwickelt, um bei zyklischen Netzabschaltungen ihre Kundinnen und Kunden einheitlich zu informieren. Das Projekt ist ein gutes Beispiel, dass die Branche in der Lage ist, Innovation, Kundenzentrierung und Krisenfähigkeit zu verbinden – selbst in anspruchsvollen Zeiten.

Im Sommer 2022 erlebte die europäische Energiekrise vorläufig ihren Höhepunkt. Das Risiko einer Strommangellage war damals real und gross. Noch nie stand die Schweiz so nahe davor, OSTRAL aktivieren zu müssen. Die vom VSE betriebene Organisation für Strom in Ausserordentlichen Lagen befasst sich seit über 30 Jahren mit den Vorbereitungen auf eine Strommangellage. Denn sie ist es, die Bewirtschaftungsmassnahmen des Bundes umsetzen müsste, wenn der Stromverbrauch über mehrere Tage und Wochen höher ist als der verfügbare Strom. Und obwohl theoretische Pläne seit jeher existierten, waren Strombranche und OSTRAL sich bewusst, dass konkrete Vorbereitungen noch getroffen werden mussten, um diese potenzielle Krise zu bewältigen.

Im sogenannten OSTRAL-Fall stehen dem Bundesrat verschiedene Massnahmen zur Verfügung, um auf eine konkrete Krisensituation zu reagieren. Ziel der Massnahmen ist, Stromnachfrage und Stromangebot auf reduziertem Niveau ins Gleichgewicht zu bringen und so die Stromversorgung sicherzustellen. Den letzten Pfeil im Massnahmen-Köcher bilden zyklische Netzabschaltungen. In ganzen Netzgebieten gäbe es dabei zyklisch in einem bestimmten Rhythmus keinen Strom.

Im Falle von zyklischen Netzabschaltungen stehen die Verteilnetzbetreiber explizit in der Pflicht, die Abschaltzeiten gegenüber ihren Kundinnen und Kunden einheitlich und niederschwellig zu kommunizieren. Im Sommer 2022 reifte die Idee, ein System zu entwickeln, das im Falle von zyklischen Netzabschaltungen transparente Informationen über die Stromversorgung liefert. Inspiriert von vergleichbaren Apps in Ländern wie Südafrika und Frankreich wurde PowerTracker geboren (auch bekannt unter dem ursprünglichen Projektnamen «Plan E»).

Grundsätzliche Herausforderungen

Eine Idee entwickeln und später in der Praxis umsetzen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Es gibt grundsätzliche Herausforderungen, die jede datenbasierte Lösung im Keim ersticken könnten. Zentral etwa ist die Finanzierungsfrage: Wer sollte für eine Plattform aufkommen, die möglicherweise nie gebraucht würde?

Technische Machbarkeit und Datenschutz waren weitere Bedenken, die früh aufkamen und die Gefahr bargen, die Umsetzung zu behindern. Denn die Abschaltpläne der fast 100 Verteilnetzbetreiber, die auf der Netzebene 5 zyklische Netzabschaltungen durchführen müssten, müssen aus Sicherheitsüberlegungen vertraulich behandelt werden. Um flächendeckend die Abschaltpläne visualisieren zu können, musste man die Verteilnetzbetreiber also davon überzeugen, dass ihre Daten im PowerTracker geschützt sind.

Bei fast 100 Verteilnetzbetreibern stellte das Stakeholder-Management eine weitere grosse Herausforderung dar. Die Branche ist heterogen und vielfältig, es existieren unterschiedliche Ausgangslagen und Realitäten. Diese mussten im Lichte der Finanzierung, der Projektentwicklung sowie der Datenlieferung unter einen Hut gebracht werden.

Von der Vision zum funktionierenden Prototyp

Zunächst stand im Fokus, die obigen «Killerargumente» in kleinem Rahmen bei überschaubaren Projektkosten auf die Probe zu stellen und insbesondere die technische Machbarkeit zu prüfen. Motivierte Personen aus der Swiss Energy Data Working Group – ein innovatives Netzwerk von Branchenleuten und Softwareentwickler/innen – machten sich gemeinsam unter der Trägerschaft des VSE daran, mittels Methoden aus der agilen Softwareentwicklung einen ersten Prototyp zu entwickeln. Mit diesem Vorgehen erzielte die Gruppe in kurzer Zeit erste Ergebnisse. Bereits im November 2022 fand ein entsprechender Kickoff-Sprint mit einem halben Dutzend Verteilnetzbetreibern (VNB) statt, in den Monaten darauf wurde der Prototyp erfolgreich auf technische Machbarkeit und Skalierbarkeit getestet.

Von der Vision zum Prototyp: Skizzen aus dem Sprint im November 2022.

Das Ziel, eine zentrale, digitale und kundenfreundliche Plattform mit Informationen zur Netzverfügbarkeit bereitstellen zu können, rückte mit dieser erfolgreichen Proof-of-Concept-Phase näher. Nun wirkten bereits elf regionale und städtische VNB als Early Adopters mit: AEW, BKW, EKT, eniwa, ewb, ewz, IWB, primeo energie, sak, sgsw und wwz. Weitere bekundeten Interesse, sich an dem vielversprechenden Projekt zu beteiligen. So konnte erfolgreich ermittelt werden, wie die Abschaltpläne der Early-Adopter-VNB in das System von PowerTracker eingelesen werden können und welche Funktionalitäten PowerTracker den verschiedenen Zielgruppen bieten muss.

Der Pilotbetrieb der ersten PowerTracker-Version startete im August 2023 und stand zunächst testweise den Mitgliedern von OSTRAL, Krisenstäben und Multisite-Kunden zur Verfügung. Die Rückmeldungen bestätigten, dass PowerTracker technisch funktioniert, über eine benutzerfreundliche Ansicht verfügt und einfach bedienbar ist. Auch die Governance gestaltete sich gemäss Rückmeldungen unkompliziert.

Finanzierungsmodell für schweizweit einsetzbare App

Um PowerTracker für die gesamte Bevölkerung und einen breiten Anwenderkreis einsatzfähig zu machen, musste erstens sichergestellt werden, dass alle abschaltpflichtigen VNB ihre Abschaltpläne vollständig einreichten. Um eine schweizweite Abdeckung sicherzustellen, verpflichtete der Bund die VNB per Verordnungsentwurf zur Datenlieferung. Diese besteht konkret in einer geografischen Zuordnung von Flächen bzw. Adresspunkten zu einer Abschaltgruppe im jeweiligen Abschaltgebiet. Für den Upload der Abschaltpläne wurden insgesamt vier Standardschnittstellen erarbeitet.

Zweitens galt es, die Finanzierung von PowerTracker zu regeln. Denn von der Projektidee bis zur Pilot-Inbetriebnahme von PowerTracker stemmten die Early Adopters sowie der VSE das Projekt. Um PowerTracker aber für die gesamte Schweiz zu entwickeln, brauchte es weitere Mittel. Der VSE Vorstand unterstützte im September 2023 ein gemeinsames, verursachergerechtes Finanzierungsmodell, gemäss diesem die abschaltpflichtigen VNB Beiträge nach Anzahl Kundinnen und Kunden in ihrem Netzgebiet leisten. Ihre Beteiligungen dürfen die VNB in die Netzkosten einrechnen. Denn die ElCom bestätigte ein paar Monate später, dass sämtliche Aufwände für PowerTracker als innovatives Projekt gemäss Landesversorgungsverordnung (VOEW) und Stromversorgungsverordnung (StromVV) anrechenbar seien.

In der Proof-of-Concept-Phase im Frühling 2023 mit elf Early-Adopter-Verteilnetzbetreiber wurde PowerTracker für den Pilotbetrieb vorbereitet.

Krisenplaner und Bevölkerung im Fokus

Im August 2024 wurde die ursprüngliche Vision Realität: PowerTracker erreichte eine fast vollständige Abdeckung aller Adressen in der Schweiz. Mit diesem Meilenstein war es möglich, kantonalen Krisenstäben, Krisenplanern und Betreibern kritischer Infrastrukturen privilegierten und geschützten Zugang zu sämtlichen Abschaltplänen zu geben. Dies, damit Kantone, Gemeinden usw. ihre Vorbereitungen besser vorantreiben und Abschaltszenarien besser planen können, zum Beispiel für den Einsatz von Blaulichtorganisationen im Fall einer Mangellage.

Auch die Webseite und die App für die Bevölkerung sind entwickelt. Auf den nächsten Winter hin soll PowerTracker breit bekannt gemacht werden – auch ohne Anzeichen für eine Strommangellage. In einer normalen Versorgungslage werden keine Abschaltzeiten, dafür allgemeine Informationen zum Thema sowie Hinweise, wie man sich auf eine Strommangellage vorbereiten kann, ersichtlich sein. Die Abschaltzeiten können von der Öffentlichkeit erst dann eingesehen werden, wenn der Bundesrat aufgrund einer Krisensituation zyklische Netzabschaltungen anordnet.

Für den Moment ist PowerTracker eine Krisen-App für zyklische Netzabschaltungen. Langfristig sind weitere Entwicklungsschritte möglich. Eine Überlegung ist, dass die App generell Auskünfte über die Netzverfügbarkeiten geben könnte. Wenn zum Beispiel in einer Region das Netz wegen einer Störung für ein paar Minuten unterbrochen wird, könnte der zuständige VNB dies via PowerTracker den betroffenen Kundinnen und Kunden mitteilen und sie auch informieren, sobald die Störung behoben worden ist.

Branche verbindet Innovation, Kundenzentrierung und Krisenfähigkeit 

In einer Krise ist eine einheitliche und kundenzentrierte Kommunikation entscheidend. Die Strombranche hat dies früh nach dem Ausbruch der Energiekrise erkannt und die Entwicklung von PowerTracker auf Eigeninitiative angestossen – weit, bevor der offizielle Auftrag des Bundes erteilt wurde. Im Bewusstsein, dass eine gemeinsame Lösung nicht nur ein allfälliges Krisenmanagement für verschiedene Nutzerinnen und Nutzer erleichtert und nur einen Bruchteil kostet als zig Einzellösungen, erbrachte die Branche den Beweis, dass sie Innovation, Kundenzentrierung und Krisenfähigkeit zu verbinden weiss – selbst in anspruchsvollen Zeiten.

Mehr über PowerTracker erfahren   

PowerTracker ist ab sofort im Web sowie im Apple Store und Google Play Store verfügbar.