Klare und wissenschaftlich fundierte Signale sind notwendig
Damit die Öffentlichkeit ihren Energieverbrauch anpassen kann, werden Echtzeitinformationen und -prognosen über das Energiesystem benötigt, ähnlich wie während der Covid-19-Pandemie. Wissenschaftliche Informationen über den Zustand des Stromnetzes sind für die Öffentlichkeit von entscheidender Bedeutung, damit sie reagieren und Lastabwürfe durch den Netzbetreiber verhindern kann.
Ein klares und vertrauenswürdiges Signal ist der Schlüssel, um kleine Stromverbraucher zu freiwilligen koordinierten Energiespar- und Lastverschiebungsaktionen zu motivieren. Die Definition und Berechnung eines solchen Signals ist jedoch methodisch anspruchsvoll und erfordert die Modellierung und Verarbeitung verschiedener Daten unter Berücksichtigung der Unsicherheiten bezüglich Stromnachfrage und -angebot. Eine besondere Herausforderung für die Modellierung des Schweizer Energiesystems ist die starke Integration in den europäischen Energiemarkt. Daher hängt das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nicht nur von der inländischen Erzeugung, sondern auch von der Verfügbarkeit ausländischer Erzeugung und grenzüberschreitender Kapazitäten ab. Darüber hinaus ist das Stromangebot wetterabhängig, da beispielsweise die Solar- und Windenergieerzeugung von Bewölkung respektive der Verfügbarkeit von Wind abhängen.
Auf der Grundlage der Verfügbarkeit von Kraftwerken, Übertragungskapazitäten sowie der Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie kann die sogenannte Reservemarge berechnet werden. Die Reservemarge entspricht somit der Differenz zwischen der verfügbaren Erzeugung und der Nachfrage. Das Risiko potenzieller Engpässe sollte als die Wahrscheinlichkeit, dass diese Reservemarge nicht ausreicht, berechnet werden. Die grosse Herausforderung besteht hierbei darin, dass die für eine solche Berechnung erforderlichen Daten nicht ohne Weiteres direkt verfügbar sind, insbesondere nicht für Prognosen.
In der Schweiz gibt es verschiedene Plattformen zur Visualisierung von Energiedaten, die zunehmend Daten in Echtzeit sowie Prognosedaten abbilden (zum Beispiel dashboardenergie.admin.ch oder energyalert.ch). Was fehlt und weiterentwickelt werden muss, ist ein Signal, das auf den Faktoren basiert, die zu einer Strommangellage führen, und welches das Konzept der Reservemarge mit den verknüpften Risiken korrekt abbildet.
Wie hoch sind das Potenzial und der wirtschaftliche Nutzen?
Zum Flexibilitätspotenzial der Schweizer Haushalte auf nationaler Ebene wurden bereits mehrere Studien publiziert. So hat das BFE im Jahr 2019 eine Studie [9] in Auftrag gegeben, die das Flexibilitätspotenzial für verschiedene Verbraucherkategorien untersucht. Für die Haushalte wurde ein Potenzial von 440 MW geschätzt, für den Verkehr ein zusätzliches Potenzial von 140 MW. Von verschiedenen Haushaltsgeräten (beispielsweise Waschmaschinen, Geschirrspüler, Wäschetrockner, elektrische Warmwasserspeicher) weisen Heiz- und Nassgeräte (Waschmaschinen, Geschirrspüler, Wäschetrockner) das höchste Potenzial auf. Nicht alle elektrischen Haushaltsgeräte verbrauchen gleich viel Strom, und einigen Geräten ist es schwieriger, den Verbrauch zeitlich zu verschieben. Während sich der Betrieb einer Waschmaschine leicht um mehrere Stunden verschieben lässt, kann es schwieriger sein, die Zeit zu verschieben, in der man kochen muss. Mit der fortschreitenden Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors nimmt die individuelle Strommenge jedoch ständig zu – und damit auch das Potenzial zur Verlagerung.
Eine genaue Bezifferung des wirtschaftlichen Nutzens der Nachfrageverschiebung für die Schweiz ist schwierig, aber er dürfte sich in Millionenhöhe bewegen. Der wirtschaftliche Nutzen ergibt sich aus der Tatsache, dass der Strom aus den Spitzenzeiten in die Schwachlastzeiten mit tieferen Strompreisen verlagert wird. Neben diesen direkten wirtschaftlichen Vorteilen wäre der grösste Vorteil jedoch, dass ein solches Instrument rollende Stromausfälle mit ihren weitreichenden Folgen verhindern könnte.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Es wurden bereits beträchtliche Anstrengungen unternommen, um Anreize zu schaffen, um den Stromverbrauch auf Tageszeiten mit tieferer Last zu verschieben. In der Regel stützen sich diese Bemühungen auf intelligente Messsysteme, und die Anreize werden durch den Strompreis oder ökologische Erwägungen wie CO2-Emissionen gesteuert. Die Covid-19-Pandemie hat jedoch gezeigt, dass die Bevölkerung nicht nur auf wirtschaftliche Vorteile reagiert, sondern auch bereit ist, ihre Anstrengungen freiwillig zu koordinieren, um eine Krise zu überwinden. Dieser Winter zeigt auf, dass koordinierte Stromeinsparungen ein wertvolles Instrument sein könnten. Selbstverständlich löst ein Informationssystem nicht die grundsätzlichen Probleme einer notwendigen Transformation und Anpassung des Energiesystems an sich ändernde Randbedingungen. Ein Informationssystem zum aktuellen Zustand des Energiesystems kann jedoch als Unterstützung, Zwischen- oder Notlösung betrachtet werden und könnte einen interessanten, bisher vernachlässigten Ansatz für Krisenzeiten bieten.