Die Schweizer Energieversorgungsunternehmen (EVU) sehen sich gegenwärtig mit einer Reihe neuer Herausforderungen konfrontiert, die sich aus der Dezentralisierung, der Digitalisierung und der «Energiestrategie 2050» ergeben. Der Umstieg auf erneuerbare Energien, die Zunahme dezentraler Energieanlagen (DER) und die steigende Anzahl an Elektrofahrzeugen (EV) erfordern ein Umdenken im Verteilnetzmanagement – und umfangreiche Investitionsmassnahmen. Dies ist bei weitem kein Schweizer Phänomen. Eine Analyse von Rystad Energy zeigt, dass bis 2030 weltweit über drei Billionen US-Dollar in die Energieinfrastruktur investiert werden müssen, um mit der aktuellen Entwicklung Schritt zu halten.
Für die Schweizer EVU sind damit verschiedene Fragen verbunden: Wieviel kosten diese Entwicklungen in der Schweiz? Und können die notwendigen Investitionen in das Netz optimiert werden?
Die zweite Frage kann erfreulicherweise positiv beantwortet werden: Investitionen in das Stromnetz lassen sich optimieren oder gar vermeiden, indem bestehende intelligente Netzinfrastruktur mit innovativer Technologie kombiniert wird. Für Schweizer EVU eröffnet sich damit eine einzigartige Chance: Die bereits implementierte Technologie am «Grid Edge» – Smart Meters mit Mess-, Schalt- und Regelmöglichkeiten – kann als integraler Bestandteil der Netzinfrastruktur genutzt werden, um neue Betriebsanforderungen schnell, skalierbar und wirtschaftlich umzusetzen.
Die Kombination intelligenter Netzinfrastruktur und innovativer Technologien ermöglicht nicht nur eine bessere Ausnutzung vorhandener Ressourcen, sondern schafft auch die Grundlage für zukunftsfähige Netzstrategien im Kontext steigender Flexibilitätsanforderungen, dynamischer Netztarife, der Abregelung dezentraler Erzeugung und zunehmender Elektrifizierung.
Die Schweizer Energielandschaft im Wandel
Der Einsatz erneuerbarer Energien gewinnt gegenwärtig an Dynamik, wobei der Schweizer Photovoltaikmarkt (PV-Markt) im Jahr 2024 ein Wachstum von über 50% und die Gesamtproduktion einen Wert von rund 6,9 Terrawattstunden (TWh) erreichte, was etwa 11% des nationalen Stromverbrauchs entspricht. Der Anstieg wird von «Prosumern» vorangetrieben, die sowohl Strom verbrauchen als auch produzieren. Das Stromnetz muss daher in der Lage sein, den zunehmend bidirektionalen Energiefluss bewältigen zu können.
Jedes fünfte Auto, das 2024 in der Schweiz verkauft wurde, war gemäss Bundesamt für Statistik ein Elektroauto. Wenn viele Elektrofahrzeuge während der Verbrauchsspitzenzeiten aus dem Netz aufgeladen werden, kann dies zu einer Überlastung der lokalen Stromnetze führen. Zudem wird durch die bevorstehende Vehicle-to-Grid-Technologie (V2G) ein weiterer Anstieg der bidirektionalen Netzflüsse erwartet. Ein weiterer Faktor, der die Netznutzung erhöht, ist die rasante Zunahme von elektrischen Wärmepumpen.
Die Veränderungen in der Energielandschaft stellen eine Herausforderung für die bestehende Netzinfrastruktur in der ganzen Schweiz dar. Allein für das Übertragungsnetz prognostiziert Swissgrid für die kommenden Jahre Netzinvestitionen in Höhe von 200 bis 290 Millionen CHF jährlich. Ebenso haben EVU in weiten Teilen des 250.000 Kilometer langen Verteilnetzes des Landes einen ähnlichen Bedarf an Netzinvestitionen. So investierte AEW im Jahr 2024 beispielsweise 93 Millionen CHF in die Energieinfrastruktur in ihrem Versorgungsgebiet.
Gleichzeitig werden in den Kantonen zahlreiche Netzverstärkungsprojekte nur mit geringer Geschwindigkeit vorangetrieben. Wie Swissgrid weiter berichtet, stecken viele Projekte des Strategischen Netzes 2025 derzeit in langwierigen Genehmigungsverfahren fest. Zwar wird sich das Parlament demnächst mit einer Revision des Elektrizitätsgesetzes zur Beschleunigung der Bewilligungsverfahren für den Um- und Ausbau der Stromnetze befassen. Bis auf Weiteres kommt der Netzausbau aber weiterhin nur zögerlich voran.
Aus diesen Gründen sind EVU gedrängt, Lösungen zu finden, um bestehende Netze und die Netzinfrastrukturen zu optimieren und die Abhängigkeit von neuen Bauprojekten zu reduzieren. Dies ist mit dem NOVA-Prinzip («Netz-Optimierung vor Netz-Verstärkung vor Netz-Ausbau») in der Schweiz sogar gesetzlich vorgeschrieben, denn es verpflichtet die Netzbetreiber, zunächst alle Optimierungsmöglichkeiten auszuschöpfen, bevor sie in neue Netzinfrastruktur wie Transformatoren und Stromleitungen investieren. Ziel ist es, den Aufwand für Netzverstärkungen sowie die damit verbundenen Kosten zu minimieren.
Angesichts der sich beschleunigenden Trends und regulatorischen Entwicklungen stehen EVU zwar vor zahlreichen Herausforderungen, gleichzeitig eröffnet sich jedoch ein erhebliches, bislang ungenutztes Potenzial für bestehende und neue Technologien, die den Netzausbau verzögern oder sogar überflüssig machen können.