«Ungeplante Stromflüsse» klingt nach einem organisatorischen Unfall. Swissgrid plant doch auf Stunden genau. Können Sie das Phänomen und seine Konsequenzen erklären?
Strom sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstands. Wenn Strom an einem Ort erzeugt wird, um einen Endverbraucher an einem anderen Ort zu versorgen, sollte er hauptsächlich über jene Stromleitungen zwischen den beiden Orten fliessen, die den kürzesten Weg darstellen. Ist der Weg jedoch «verstopft» (zum Beispiel wegen unzureichender Netzinfrastruktur) oder bestehen Engpässe, nimmt er einen Umweg, um die Blockade zu umgehen. Dies kann dazu führen, dass Strom durch die Netze von Nachbarländern fliesst. Solche «ungeplanten Flüsse» sind somit primär ein technisches und/oder infrastrukturelles Problem. Die Einführung der flussbasierten Marktkopplung in allen Nachbarländern der Schweiz sowie die Umsetzung des «Clean Energy Package» und der 70-Prozent-Regel führen aufgrund der starken Vernetzung der Schweiz mit dem benachbarten Ausland voraussichtlich zu einer Zunahme der bereits heute erheblichen ungeplanten Flüsse durch die Schweiz. Diese Stromflüsse «verstopfen» unsere grenzüberschreitenden Leitungen und führen so zu einer potenziellen Verringerung der Importfähigkeit der Schweiz. Der fehlende Einbezug in die europäischen Koordinationsprozesse wirkt sich also negativ auf den Netzbetrieb und die Versorgungssicherheit aus.
Was unternimmt Swissgrid, um diese negativen Auswirkungen abzumildern? Und was tun die europäischen Übertragungsnetzbetreiber? Ein gesicherter Netzbetrieb in der «Stromdrehscheibe» ist ja auch im Interesse der EU.
Swissgrid arbeitet mit den europäischen Übertragungsnetzbetreibern an einer möglichst weitgehenden Inklusion der Schweiz in netzsicherheitsrelevante Prozesse, die in der EU gesetzlich vorgeschrieben sind. Hierzu verhandelt sie privatrechtliche Verträge. Mit solchen vertraglichen Regelungen der Grenzbewirtschaftung unter den Übertragungsnetzbetreibern sowie einer Harmonisierung der Sicherheits- und Betriebsstandards wird die Sicherheit im Stromnetz verbessert. Davon profitieren sowohl die Schweiz, deren Nachbarstaaten als auch die EU. Nur in gemeinsamer Abstimmung funktioniert das System reibungslos. Zum heutigen Zeitpunkt ist allerdings offen, ob der Abschluss dieser Verträge gelingen wird. Denn diese unterliegen der Genehmigung aller Regulatoren der EU. Bei Nichteinstimmigkeit entscheidet Acer, die Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden.
Zusammengefasst: Wie gravierend ist die Situation für die Schweiz aus Sicht der mittelfristigen Versorgungssicherheit?
Der Systemstress nimmt angesichts der beschriebenen Herausforderungen zu. Es kann erwartet werden, dass sich die Intensität dieser Herausforderungen bis Ende 2025 stark steigern wird, da die 70-Prozent-Regel bis dann voll umgesetzt sein muss. Diese Herausforderungen können ohne politische Unterstützung nicht vollumfänglich gemeistert werden, denn seit 2014 macht die EU den Abschluss eines institutionellen Abkommens zur Bedingung für den Abschluss eines Stromabkommens. Die Schweiz ist also zunehmend aus wichtigen Prozessen ausgeschlossen und steht isoliert da. Angesichts der zögernden Haltung der Schweizer Aussenpolitik verschärft die EU den Druck auf den Abschluss eines Rahmen- und Stromabkommens; so ist die Teilnahme von Swissgrid an den Regelenergieplattformen und den ab nächstem Jahr etablierten «Regional Coordination Centres» (RCC) stark gefährdet. Durch diese Entwicklungen stösst Swissgrid zunehmend an Hürden, die ausschliesslich durch politische Veränderungen überwunden werden können. Mit einem Stromabkommen wären diese aufwendigen vertraglichen Regelungen alle nicht mehr notwendig. Die Situation ist ernst, denn mittelfristig sind die Versorgungssicherheit und die Umsetzung der Energiestrategie 2050 gefährdet.
Wie könnte eine nachhaltige Lösung aus politischer, wirtschaftlicher und technischer Sicht denn aussehen?
Auf technischer Ebene tut Swissgrid alles, was nötig ist, um den sicheren Systembetrieb aufrechtzuerhalten. Privatrechtliche Vereinbarungen unter Übertragungsnetzbetreibern stellen aber langfristig keinen adäquaten Ersatz für ein Stromabkommen dar. Swissgrid stösst mit den Lösungen auf technischer Ebene an die Grenze ihrer Handlungsmöglichkeiten.
Zur Person
Jörg Spicker ist seit 2017 Senior Strategic Advisor bei Swissgrid. Zuvor war er während vier Jahren als Leiter Market Mitglied der Geschäftsführung von Swissgrid gewesen. Jörg Spicker verfügt über einen Doktortitel in Physik und ist seit über 30 Jahren in der Energiebranche tätig.