Wie viel sich in einem Jahr verändern kann. Im Herbst 2021 führte OSTRAL, die Organisation für Stromversorgung in ausserordentlichen Lagen, eine Medienkonferenz durch. Die Kommission des VSE informierte zusammen mit der wirtschaftlichen Landesversorgung WL über die Bewirtschaftungsmassnahmen, mit denen Grossverbraucher von Strom – rund 30'000 Unternehmen in der Schweiz, die mehr als 100 Megawattstunden Strom pro Jahr konsumieren – im Falle einer schweren Strommangellage konfrontiert wären. Um der Grossverbraucherinfo die adäquate Eindringlichkeit zu verleihen, rief Wirtschaftsminister Guy Parmelin die betroffenen Unternehmen persönlich per Video auf, sich vorausschauend auf den Krisenfall vorzubereiten. Mediale Wellen schlug der Appell von Bundesrat, OSTRAL und WL trotzdem keine. In der Konsequenz nahm die Öffentlichkeit kaum Notiz vom Risiko eines Strommangels. Innert weniger Monate sollte sich dies ändern.
Am 29. Juni 2022 erläuterte VSE Präsident Michael Wider vor vollen Rängen im Bundesmedienzentrum an der Seite von Guy Parmelin und der damaligen Energieministerin Simonetta Sommaruga die Bewirtschaftungsmassnahmen, die der Bund im Fall einer Strommangellage situationsbedingt anordnen könnte und die Branche, Wirtschaft und Bevölkerung umsetzen müssten. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Schweiz und mit ihr ganz Europa auf dem bisherigen Höhepunkt der Energiekrise. Die rekordhohen Energiepreise, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, die Sorge darüber, ob die europäischen Gasspeicher gefüllt werden können und ob die sich in Revision befindenden französischen Kernkraftwerke zurück ans Stromnetz gehen, sowie die Jahrhundert-Trockenheit: alles Faktoren, die dazu beitrugen, dass das Thema Strommangellage und Versorgungssicherheit ins Zentrum der öffentlichen und politischen Debatte rückten.
Und so stand plötzlich auch OSTRAL im Fokus. Sie ist es, die die Bewirtschaftungsmassnahmen des Bundes im Krisenfall umsetzen müsste. Diese Bewirtschaftungsmassnahmen und entsprechende Umsetzungsprozesse hat sie während Jahren zusammen mit der WL erarbeitet. Diese seriöse Vorbereitung abseits des Rampenlichts machte sich 2022 bezahlt. OSTRAL war plötzlich stark gefordert, konnte aber – anders als im Gasbereich – auf ein etabliertes Bewirtschaftungskonzept und Organisationsstrukturen zurückgreifen, auf denen man aufbauen konnte, um die Herausforderungen dieses beispiellosen Jahres zu meistern.
Sensibilisieren und eigene Prozesse evaluieren
Die Bewirtschaftungsmassnahmen im Fall einer Strommangellage waren plötzlich in aller Munde, weil sie alle – Privatpersonen wie Firmen – in irgendeiner Form betroffen hätten. Der Informationsdruck war folglich hoch. OSTRAL intensivierte ihre Sensibilisierungs- und Vorbereitungsarbeiten stark – innerhalb der Branche, aber auch mit den Kantonen, Gemeinden, Wirtschaftsverbänden, Grossverbrauchern und Krisenstäben. Das alles in gewohnt enger Zusammenarbeit und Abstimmung mit der WL.