Die letzten Jahre waren von zahlreichen Krisen geprägt, darunter Covid-19, der Krieg in der Ukraine und die Klimakrise. Die Auswirkungen dieser Krisen waren und sind für Einzelpersonen, Unternehmen, Behörden und andere Organisationen spürbar. Schweizer Energieunternehmen bilden da keine Ausnahme. Diese Organisationen nehmen Krisen nicht einfach hin. Sie entwickeln Strategien, um sie zu überwinden und tragen so entscheidend dazu bei, eine Verschärfung der Krisen zu vermeiden. Dafür benötigen Energieunternehmen in Krisensituationen eine hohe Resilienz.
Es stellt sich die Frage, welche Faktoren für ihre Resilienz ausschlaggebend sind. Dieser Artikel präsentiert die wichtigsten Antworten auf diese Frage, die im Rahmen einer zwischen 2023 und 2025 durchgeführten wissenschaftlichen Studie zu den Resilienzfaktoren von Schweizer Energieunternehmen gewonnen wurden.
Resilienz
Resilienz wird im Allgemeinen als die Fähigkeit beschrieben, einen durch eine Krise verursachten Schock zu absorbieren, sich daran anzupassen und voranzukommen, idealerweise mit einer gestärkten organisatorischen Funktionsweise. Von besonderem Interesse sind die Faktoren, die eine Organisation resilient machen.
Um dieses Konzept besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich auf eine Beschreibung der Resilienzfaktoren nach Raetze und seinen Co-Autoren (2021) zu beziehen [1]. Diese haben Faktoren für die organisatorische Resilienz auf drei verschiedenen Ebenen identifiziert: Individuum, Team und Organisation.
In diesem Fall betreffen die Resilienzfaktoren auf organisatorischer Ebene finanzielle, materielle und strukturelle Ressourcen, personelle und soziale Ressourcen sowie Strategien und Praktiken; auf Teamebene sind es die spezifischen Merkmale der Arbeitsteams, ihre Ressourcen und Prozesse sowie der Führungsstil ihrer Vorgesetzten; und auf individueller Ebene schliesslich Faktoren wie positive Einstellungen und Emotionen, Entwicklungskompetenzen oder auch berufliche Anforderungen und Stressfaktoren. Diese Faktoren sind entscheidend für die Bewertung der Resilienz einer Organisation.
Empirische Studie
Ausgehend von der Annahme, dass bestimmte der genannten Faktoren der organisatorischen Resilienz auch auf Schweizer Energieunternehmen zutreffen und dass weitere potenziell spezifische Faktoren hinzukommen, haben wir eine Studie mit einem qualitativen und quantitativen Ansatz durchgeführt.
In diesem Rahmen wurden mehrere Führungskräfte von Schweizer Energieunternehmen und zwei Expert:innen aus dem Schweizer Energiesektor befragt, um die Resilienzfaktoren und deren Bedeutung zu ermitteln. Parallel dazu haben wir 98 Geschäftsberichte von Schweizer Energieunternehmen mit dem gleichen Ziel analysiert.
Wir wollten wissen, ob sich je nach Unternehmensgrösse oder Rechtsform signifikante Unterschiede hinsichtlich der genannten Resilienzfaktoren und der Bedeutung, die diesen Faktoren beigemessen wurde, zeigen. Dazu haben wir drei Unternehmenskategorien (kleine, mittlere und grosse Unternehmen) sowie drei Rechtsformen unterschieden: nicht autonome öffentliche Unternehmen, autonome öffentliche Unternehmen und private Unternehmen.
Schliesslich haben wir untersucht, inwieweit die Erzeugung erneuerbarer Energien einen Resilienzfaktor für diese Unternehmen darstellt. Denn die Energiekrise von 2022 hat die Debatten um die Stärkung der Energieautonomie wieder angefacht, insbesondere durch die Steigerung der Erzeugung erneuerbarer Energien in der Schweiz, die als potenzieller Hebel für Resilienz dargestellt wird.
Identifizierte Resilienzfaktoren
Unsere Studie ermöglichte die Entwicklung eines Modells, das die verschiedenen Resilienzfaktoren und moderierenden Variablen zusammenfasst. Das untenstehende Modell zeigt, dass die Resilienz von privaten und öffentlichen Unternehmen auf einer Kombination von Elementen beruht, die miteinander interagieren. So spielen die verfügbaren Ressourcen (Kompetenzen der Teams, finanzielle Mittel oder Infrastruktur), strategische Entscheidungen (z. B. Diversifizierung der Energiequellen) und Praktiken des organisatorischen Wachstums (Kooperation, Risikomanagement) eine zentrale Rolle.
Ihre Wirkung hängt jedoch von bestimmten Merkmalen des Unternehmens ab (moderierende Variablen), insbesondere von seiner Grösse, seiner Rechtsform und den institutionellen Zwängen, denen es unterliegt. Zusammen beeinflussen diese Faktoren die Fähigkeit von Unternehmen, sich an Krisen anzupassen, die Kontinuität ihrer Aktivitäten sicherzustellen, schnell zu reagieren und im Einklang mit ihren langfristigen Zielen zu bleiben.